Alte Handwerkskunst – Der Schablonenstecher

Die Schwälmer Tracht hat viele Bestandteile, die durch leuchtende Farben und bestechend präzise ausgeführte Buntstickerei mit Seide ins Auge fallen.
KappenbodenWie ist es möglich, dass diese Stickerei auf Kappenböden, an Kappenschnüren, auf Tanzecken, an Strumpfbändern, auf Schulterpatten der Männerkittel, auf dem „Geschappel“ der Braut und anderem so prächtig wirkt, so präzis ausgeführt wurde und so erhaben erscheint? Der Grund ist eine Papp-Einlage, über die die zarten Seidenfäden gestickt werden.
Schablone für eine Kappen- oder Betzelschnur
Teil einer Kappen- bzw Betzelschnur 2
Teil einer Kappen- bzw Betzelschnur 1Es gibt einen wahrhaft großen Schatz an Mustern mit den unterschiedlichsten Formen. Ich habe in meiner stattlichen Sammlung überlieferten Trachtenzubehörs lange suchen müssen, bis ich eine Pappschablone mit einer passenden Stickerei gefunden habe – dann jedoch gleich zwei, wenn auch sehr alte und schon ein wenig abgenutzte Exemplare – eines in grün gestickt und das andere in rot.

Damit die Stickerei so exakt erfolgen kann, müssen zuerst diese Pappeinlagen äußerst genau geformt sein. Diese Arbeit führt ein Schablonenstecher aus.
Ludwig Schmerer aus Seigertshausen ist der Letzte, der diese Kunst noch beherrscht und der mich gern und ausführlich in die Geheimnisse dieses alten Handwerks eingeführt hat.
Dazu benötigt er zunächst einmal Pappe. Früher verwendete man sogenannte Glanzpappe, einen sehr widerstandsfähigen Karton mit einer besonders glatten Oberfläche. Ludwig Schmerer behilft sich mit einem Trick: Er verwendet dünne, glatte Pappe, die als Verpackungsmaterial diente und bestreicht sie satt mit wasserverdünntem Holzleim. Nach dem Trocknen erhält er ein Produkt, das sich gut für die Schablonenstecherei eignet.
Schablone für ein StrumpfbandVorder- und Rückseite einer Pappschablone von Ludwig Schmerer – gedacht für die Anfertigung eines Strumpfbandes.

Weiterhin benötigt er eine Aale und diverse Stechbeitel in verschiedenen Breiten. Als Arbeitsunterlage dient ein Brett. Früher benutzte man Lindenholzbretter. Hartholzbretter wie Buche und Eiche sind ungeeignet, da an dem harten Holz die Stechwerkzeuge zu schnell stumpf würden.
Nadelholz wie Fichte ist ungeeignet, da feste und weiche Partien im Holz kein gleichmäßiges Ausstechen ermöglichen. So greift Herr Schmerer auf Limba-Holz zurück, das sich in vielen Jahren der Schablonenstecherei bewährt hat.
Unterlagebrett mit Schablone für einen BruststeckerDie Arbeitsunterlage des Herrn Ludwig Schmerer – ein Limbabrett. An den vielen Einkerbungen kann man erkennen, dass auf diesem Brett schon sehr viele Schablonen ausgestochen wurden. Auf dem Brett liegt eine fertige Schablone für einen Bruststecker.

Mittels starker Reißbrettstifte befestigt Herr Schmerer die Pappe auf den Brett. Als Vorlage dienen ihm Musterschablonen, die er sich an Hand von überlieferten Mustern selbst hergestellt hat. Es werden immer wieder die selben Musterschablonen verwendet, damit alle hieran ausgestochenen Schablonen exakt gleich sind.
Mustervorlagen auf Pappe befestigtMit der Aale durchsticht Herr Schmerer die Pappe, um die Musterschablonen exakt und unverrutschbar auf dem Untergrund befestigen befestigen zu können.
Ausstechen mit dem Beitel 1Mit dem Stechbeitel sticht er nun unter sanftem Druck senkrecht an den Musterschablonen nach unten, bis die Grundpappe durchstochen ist.
Ausstechen mit dem Beitel 2Der nächste Stich wird direkt daneben gesetzt. So wird Stückchen für Stückchen die komlpette Musterschablone umstochen. Für Spitzen und Rundungen verwendet er besonders schmale Geräte, für gerade Strecken etwas breitere.
gestochene Linien am Rand des Musters entlangBesonders bei größeren Schablonen muss man aufpassen, dass man genügend Verbindungsstege stehen lässt, damit die Schablonen nicht in Einzelteile zerfallen. Die Stege dürfen aber auch nicht zu breit sein, damit man später beim Sticken keine Probleme bekommt.

4 Kommentare
  1. Wonderful post, Luzine. Are these templates for selling? And paperboard templates are still used in embroidery or only in those accessories for traditional customs?
    You must have such an exquisite collection!

    • Thank you, Méri,
      I try to get at least one example of each all the traditional accesories. Along the pictures of these pieces it is easier to explain their use. Many of the traditional accecories are hard to find. So the paperboard templates are not for selling. The today use is only for groups of young people wearing the costumes for special celebrations.
      I used the designs as wonderful inspiration for new whitework designs.

  2. Sehr interessant!
    I agree with Meri, such a wealth of artifacts and also knowledge!

    • Danke, liebe Joey,
      es macht so viel Spaß, an Hand traditioneller Zeugnisse der Schwälmer Trachten immer mehr über deren Entstehung und Verwendung zu erfahren. Und es macht auch Spaß, das erworbene Wissen mit anderen zu teilen.

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