Schwälmer Mieder (2)

Die Bündchen der Schwälmer Miederärmel waren unterschiedlich und vielfältig gestaltet. Den unteren Abschluss (in der Sicht auf den nicht aufgefalteten Ärmel) bildete immer eine mehr
SM2_1oder weniger ausgeprägte Nadelspitze.
SM2_2Am oberen Abschluss des Bündchens wurde entweder ein Erbslochhohlsaum,
SM2_3ein Stopfhohlsaum
SM2_4oder ein Stopfhohlsaum in Verbindung mit Erbslochhohlsaum gearbeitet.
SM2_5Dazwischen lag eine mehr oder weniger breite Fläche, die ganz
SM2_6oder auch nur teilweise mit Weißstickerei ausgefüllt wurde.
SM2_7Die ausladenste, mir zur Verfügung stehende Miederärmelverzierung ist 22 cm weit, wobei die Weißstickereiborte allein eine Weite von 14 cm aufweist. Die Weite der Verzierungen der anderen Miederärmel bewegt sich zwischen 10 cm und 20 cm. Nur die Verzierungen der Kindermieder waren schmaler.

Die Weißstickereiborten der Schwälmer Mieder waren immer unterfüttert. Das konnte auf zwei verschiedene Arten geschehen:

1. Der Ärmel wurde gleich so lang zugeschnitten, dass ein breiter Saum und eine Nahtzugabe bereits enthalten waren.
SM2_8Dabei hatte man das Problem, dass sich der Schnitt nach unten hin verjüngte und daher beim Zurückschlagen nicht die gesamte Breite der Stickerei abdecken konnte.
SM2_92. Der Ärmel wurde nur mit 2 – 3 cm Nahtzugabe an der unteren Kante zugeschnitten. Ein zusätzlicher Stoffstreifen in der Breite des Ärmels wurde dann an der Nahtzugabe angesetzt, um damit sie Fläche zwischen Nadelspitze und Hohlsaumrand abzufüttern.
SM2_10Man begann mit einem Fadenauszug am oberen und am unteren Rand der Stickereiborte. Zwischen diesen Linien wurde das gewünschte Muster gestickt. Manchmal – wie im unteren Beispiel zu sehen – wurden auch noch weitere Fadenauszüge vorgenommen, um Schlängchen zwischen die Fadenrinnen zu sticken. (Weitere Schwalmtypische Börtchen und Zierstiche kann man in meiner Publikation Schlängchen & Co finden.) Die Fadenrinnen wurden mit Steppstichen überdeckt.
SM2-11Dann wurde der Hohlsaum gearbeitet. Meist erstreckte sich der Hohlsaum über die gesamte Breite des Ärmels,
SM2-12nur in wenigen Fällen wurde er schon kurz vor Erreichen des Randes beendet.
SM2_13Am unteren Ende des Ärmels wurde die Nahtzugabe dicht entlang der Stickerei nach hinten umgeschlagen und mit einer Reihe von Steppstichen entlang der anfangs gebildeten Fadenrinne am Platz gehalten.
SM2_14An die kurze Nahtzugabe wurde der Streifen angesetzt. Das obere Ende des Streifens oder das obere Ende der langen Nahtzugabe wurden knapp nach innen eingeschlagen und dann mit Hohlsaumstichen an der unteren Kante des Hohlsaumes befestigt.
SM2_15An der unteren Kante des Ärmels wurde nun Nadelspitze gearbeitet. Meist verlief sie nicht über die gesamte Breite des Ärmels, sondern begann und endete ca. 1 cm vor Erreichen der Seiten.
SM2_16Breitere Nadelspitzen verjüngten sich nach unten hin.
SM2_17Die Ärmelnaht wurde geschlossen. Wenn das Futter nicht bis zur Naht reichte, wurde es kanpp eingeschlagen und mit feinen, überwendlichen Stichen befestigt.
SM2_18Der Ärmel wurde so gewendet, dass die Stickerei nach innen zeigte
SM2_19und dann am Armausschnitt eingesetzt.
SM2_20Hochgeschlagen bis fast zur Schulter entfaltete sich die feine Zierde in ihrer ganzen Pracht.
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Schwälmer „Mirrer“ (Mieder 1)

Das im Schwälmer Dialekt als „Mirrer“ bezeichnete Kledungsstück wird in der Literatur ganz überwiegend mit „Mieder“ übersetzt, obwohl es sich nicht um ein formgebendes Kleidungsstück handelt.
Auf den ersten Blick sehen Schwälmer Mieder eher unscheinbar aus. Kein Wunder, wurde das Mieder doch unter vielen weiteren Trachtenteilen getragen und von diesen überdeckt; bis auf die Ärmel mit ihren meist reich bestickten Aufschlägen war von dem Mieder nichts zu sehen. Die Ärmelstickerei jedoch ist etwas ganz besonderes und macht das Mieder zu einem der prächtigsten Teile der stolzen Schwälmer Tracht.
SM1_1Man trug die Mieder über Unterhemd und Geschirr. Sie waren knapp geschnitten, taillenkurz und ohne jeglichen Verschluss. Die Ärmel waren überproportional lang.
SM1_2Oft wurde sehr feines, handgewebtes Leinen zur Fertigung der Mieder verwendet. Die Mieder bestanden aus folgenden Teilen: 2 Ärmeln, 2 Zwickeln, 1 Rückenteil, 2 Vorderteilen, 2 seitlichen, schmalen Zwischenstücken und einem Passenzuschnitt für den Halsausschnitt. Fast alle Mieder wurden von Hand genäht. Die meisten Teile hatten gerade Kanten, nur für die Armausschnitte führte man die Schnittlinien von Vorder- und Rückenteil in einem ganz leichten Bogen.
SM1_3Um die Rumpfteile zusammenzufügen, die Ärmel und Schultern zu schliessen und die Ärmel einzusetzen, wurden Kappnähte gewählt.
SM1_4aDie Vorderteile wurden gesäumt, die Halsausschnittkanten wurden durch Passen versäubert.
SM1_5Alle Rumpfteile wurden so zugeschnitten, dass am unteren Ende Webkanten waren. Dadurch war eine Versäuberung des Stoffes nicht nötig. Auf diese Weise vermied man eine zusätzliche Mehrschichtigkeit und Verdickung des Gewebes im Taillenbereich.
SM1_6Die Vorderteile der Mieder waren etwas schmaler geschnitten als das Rückenteil. So reichte das Mieder nicht ganz bis zur vorderen Mitte.
SM1_7Auf der rechten Vorderseite des Mieders war mit farbigem Garn das Namenskürzel der Besitzerin mit Kreuzstichen eingestickt. Manchmal finden sich auch kleine Kreuzstichornamente zwischen den Initialen. (Solche Ornament- und Buchstabenvorlagen finden sich in dem Buch Schwälmer Kronen.)
SM1_8Zwischen Vorder- und Rückenteil wurde ein rechteckiger Streifen gesetzt;
SM1_9die Breite des Streifens wurde von dem Zwickel des Ärmels aufgegriffen.
SM1_10Die Ärmel verjüngten sich zu den Enden hin.
SM1_11Die Weite der Ärmel wurde auf den Schultern dicht auf ca. 4 cm eingekräuselt.
SM1_12Die Fältchen wurden durch mehrmaliges Einreihen für ca. 1 – 1,5 cm in Form gehalten. Das an die Fältelung angrenzende Nahtteil und ein Teil der Schulternaht wurden mit Schlängchenmustern verziert. (Weitere Schlängchenmuster findet man in der Publikation Schlängchen & Co.) Oft wurden zusätzliche kleine Motive in die Ecken zwischen den verzierten Nähten gestickt.
SM1_13Am unteren Ende wurden die Ärmel mit Stickereien verziert. Die Stickereien waren sehr unterschiedlich gestaltet und je nach dem Wohlstand der Trägerin unterschiedlich fulminant ausgeprägt. Immer aber gehörten eine Weißstickereiborte, Erbslochhohlsaum und Nadelspitze dazu, sehr oft findet man auch Stopfhohlsäume, manchmal auch Stopfhohlsäume in Verbindung mit Erbslochhohlsäumen.

Die verzierten Ärmelbündchen wurden weit nach oben aufgeschlagen,
SM1_14der verbliebene, unbestickte Stoff wurde ein weiteres Mal umgeschlagen,
SM1_15so dass die unteren Kanten die Ellbogen umspielten
SM1_16Den Verzierungen der Ärmelabschlüsse soll ein eigener Beitrag gewidmet sein: Schwälmer Mieder (2).

Der Rosenstich

Der Rosenstich ist in der Schwälmer Weißstickerei einer der wichtigsten Stiche. Er wird sowohl als Limetmuster als auch als lichtes Muster gestickt. Man kann sehr hübsche, unterschiedliche Musterungen unter alleiniger Verwendung von Rosenstichen erzielen. In Kombination mit anderen Stichen wird die Mustervielfalt fast grenzenlos.

Viele Stick-Anfängerinnen haben Schwierigkeiten, den Verlauf des Stiches richtig nachzuvollziehen. Daher erkläre ich den Stich in diesem Beitrag noch einmal ganz genau und mit einer vorangestellten Einführung.

Ein Rosenstich wird aus 4 Schlingstichen gebildet, deren Schlingen sich in einem Punkt treffen und deren „Beinchen“ sich in alle vier Richtungen strecken (wie bei einem Kreuz).

Um Grundlagen für den Rosenstich zu legen, ist es gut, zunächst einmal den Schlingstich zu üben.
Dazu sollte man auf grobem Stoff zunächst ein Limetgitter herstellen, indem man immer abwechselnd 3 Fäden stehen lässt und einen Faden auszieht – sowohl längs als auch quer. In dieses Gitter sollte man mit farbigem Garn zuerst einmal einige Schlingstiche sticken:Roenstich_1Man sticht an einer Stelle im linken Gitterbereich aus, an der sich zwei Fadenrinnen kreuzen.
Rosenstich_2Sodann legt man eine Schlaufe nach unten und rechts,
Rosenstich_3sticht einen Gewebefaden rechts des Ausstiches wieder ein und senkrecht nach unten – 3 Gewebefäden unterquerend – wieder aus. Dabei liegt der Arbeitsfaden, der nach unten und rechts zur Schlaufe gelegt wurde, nun unter der Spitze der Nadel.
Rosenstich_4Man zieht die Nadel durch und den Faden in Stichrichtung an.
Rosenstich_5In gleicher Weise stickt man einen weiteren Stich mit einem Gewebefaden Abstand rechts daneben
Rosenstich_6und lässt einige weitere Stiche folgen, bis man mit dem Verlauf des Stiches vertraut ist. Man endet an einer Stelle, an der ein senkrechter Gewebefaden ausgezogen wurde.
Rosenstich_7Man dreht die Arbeit um 90° gegen den Uhrzeigersinn und stickt einen weiteren Stich in gewohnter Weise mit dem Arbeitsfaden unter der Nadelspitze.
Rosenstich_8Nach der Fertigstellung sieht der Stich so aus wie oben zu sehen.
Rosenstich_9Erneut dreht man die Arbeit um 90° gegen den Uhrzeigersinn und stickt einen dritten Stich in gleicher Weise.
Rosenstich_10Die Schlingen der drei letzten Stiche treffen sich in einem Punkt. Den vierten Stich kann ich in diesem Beispiel nicht zeigen. Ich hoffe aber, dass diese vorgestellten Erläuterungen helfen, den Stich besser zu begreifen.

Damit es nicht zu verwirrend wird, zeige ich den eigentlichen Rosenstich jetzt ohne Drehung des Stoffes während der Arbeit.
Rosenstich_11Der Arbeitsfaden kommt aus dem unteren Teil des Bildes. Man sticht aus (Ausstichpunkt = Mittelpunkt des Stiches), legt eine Schlaufe nach oben und links, sticht 3 Gewebefäden links des Ausstichpunktes ein und kommt im Mittelpunkt wieder hervor.
Man zieht den Faden an.
Rosenstich_12Man legt eine Schlaufe nach rechts und oben, sticht 3 Gewebefäden oberhalb des Mittelpunktes ein und im Mittelpunkt wieder aus, mit dem Arbeitsfaden unter der Nadelspitze.
Man zieht den Faden an.
Rosenstich_13Man legt eine Schlaufe nach unten und rechts, sticht 3 Gewebefäden rechts des Mittelpunktes ein und im Mittelpunkt wieder aus, mit dem Arbeitsfaden unter der Nadelspitze.
Man zieht den Faden an.
Rosenstich_14Man legt eine Schlaufe nach links und unten, sticht 3 Gewebefäden unterhalb des Mittelpunktes ein und im Mittelpunkt wieder aus, mit dem Arbeitsfaden unter der Nadelspitze.
Man zieht den Faden an.
Rosenstich_15Der Arbeitsfaden kommt also im Mittelpunkt rechts des letzten Stiches hervor. Man überquert diesen letzten Stich nach links und sticht direkt dahinter im unteren Bereich des Mittelpunktes ein.
Rosenstich_16Von dort aus führt man den Arbeitsfaden unterhalb des Stoffes zum Mittelpunkt des nächsten Rosenstiches – 1 Kästchen diagonal links oberhalb des ersten Mittelpunktes.
Rosenstich_17Hier beginnt die Arbeit wieder mit dem ersten Teil des Stiches.
Rosenstich_18Die Reihe kann man beliebig lang forstsetzen.

Flächenfüllmuster Nr. 477

Nr. 477
Kategorie: Limet-Muster; bitte beachten Sie, dass dieses Muster in ein Fadengitter gearbeitet wird, bei dem 4 Fäden stehen bleiben und 1 Faden ausgezogen wird.
angewandte Stiche: 4 x 9 Stiche der einfachen Limetrose und Rosenstiche
Mitte: Kreuzung zweier Fadenrinnen (in anderen Konturformen: mittlere Längsachse = Fadenrinne)

Dies Muster ist Muster 476 ähnlich.
476_477_1Zuerst werden sowohl der vertikale als auch der horizontale mittlere Gewebefaden ausgezogen.
476_477_2Von dort aus wird ein Limet-Fadengitter über die ganze Fläche gelegt, indem man immer 4 Fäden stehen lässt und einen Faden auszieht.
476_477_3In das vorbereitete Limet-Fadengitter wird zunächst ein Raster aus Limetrosenteilen gearbeitet. Da in diesem Beispiel ein Quadrat aus 4 x 3 Wickelstichen liegen soll, beginnt man ein Kästchen diagonal links oberhalb des Mittelpunktes. Gegen den Uhrzeigersinn arbeitet man 9 Stiche der einfachen Limetrose um den Startpunkt herum.
476_477_4Wiederholt arbeitet man solche Limetrosenteile aus 9 Stichen, entgegen dem Uhrzeigersinn um den Mittelpunkt herum weiterwandernd, in diagonalen Reihen, wie im Bild oben zu sehen,
476_477_5längs
476_477_6und quer, um das Raster zu bilden.
477_7In die freien Quadrate werden Rosenstiche gestickt.
477_8Gewaschen, gestärkt und gebügelt ist ein weiteres schönes Flächenfüllmuster fertiggestellt. Die Limetrosenteile wirken erhabener, die Rosenstichflächen eben. Dadurch entsteht ein reizvoller Kontrast.

Flächenfüllmuster Nr. 476

Nr. 476
Kategorie: Limet-Muster; bitte beachten Sie, dass dieses Muster in ein Fadengitter gearbeitet wird, bei dem 4 Fäden stehen bleiben und 1 Faden ausgezogen wird.
angewandte Stiche: 4 x 9 Stiche der einfachen Limetrose und 4 x 3 Wickelstiche über 1 Kästchen in der Breite
Mitte: Kreuzung zweier Fadenrinnen (in anderen Konturformen: mittlere Längsachse = Fadenrinne)

Dies Muster ist Muster 475 sehr ähnlich, wirkt durch das abgeänderte Limetfadengitter aber etwas markanter.
476_477_1Zuerst werden sowohl der vertikale als auch der horizontale mittlere Gewebefaden ausgezogen.
476_477_2Von dort aus wird ein Limet-Fadengitter über die ganze Fläche gelegt, indem man immer 4 Fäden stehen lässt und einen Faden auszieht.
476_477_3In das vorbereitete Limet-Fadengitter wird zunächst ein Raster aus Limetrosenteilen gearbeitet. Da in diesem Beispiel ein Quadrat aus 4 x 3 Wickelstichen liegen soll, beginnt man ein Kästchen diagonal links oberhalb des Mittelpunktes. Gegen den Uhrzeigersinn arbeitet man 9 Stiche der einfachen Limetrose um den Startpunkt herum.
476_477_4Wiederholt arbeitet man solche Limetrosenteile aus 9 Stichen, entgegen dem Uhrzeigersinn um den Mittelpunkt herum weiterwandernd, in diagonalen Reihen, wie im Bild oben zu sehen,
476_477_5längs
476_477_6und quer, um das Raster zu bilden.

In die freien Quadrate werden 4 x 3 Wickelstiche gestickt, immer vom Mittelpunkt eines Quadrates ausgehend jeweils 3 Stiche an der gleichen Stelle übereinander legend. Jeweils 3 Stiche werden in allen 4 Richtungen gewickelt. Der Faden wird fest angezogen, damit sich im Zentrum eine große Öffnung bildet.
Über die gesamte Fläche wird in jedes der freien Quadrate das Muster 4 x 3 Wickelstiche gestickt.
476_7Gewaschen, gestärkt und gebügelt ist ein weiteres schönes Flächenfüllmuster fertiggestellt.