Bunte Schwälmer Stickerei

Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er gab es eine Phase, in der Schwälmer Stickerei bunt ausgeführt wurde. Nicht etwa in Pastelltönen, sondern in kräftigen, manchmal gar knalligen Farben. Auch der Aenne Burda Verlag brachte damals in mehreren Ausgaben seines Magazins Anna einige Vorschläge für kunterbunte Schwälmer Stickereien. Diese wurden von den Stickerinnen gerne aufgegriffen. Auch eigene Entwürfe wurden farbig umgesetzt. Die rustikale Art passte zum Einrichtungsstil der damaligen Zeit.

Für den hier zu sehenden Wandbehang – gestickt von Irmgard Mengel – wurden zwei Rottöne sowie Braun, Grün und Goldgelb gewählt.

Das dicht- und handgewebte Leinen ermöglichte das präzise Setzen der Stiche, wie nicht nur bei den Blättchen eindrucksvoll zu sehen ist.

Die Feinfädigkeit des Leinens erlaubte das wirkungsvolle Sticken von Flächenfüllmustern,

die in diesem Beispiel ausnahmslos mit weißem Garn ausgeführt wurden.

Das in die Tulpe gestickte Flächenfüllmuster hat meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dieses Muster werde ich im nächsten Blogbeitrag beschreiben.

Der Rand wurde mit Kästchenstichen und Trachtenstichen, am unteren Ende auch noch mit zusätzlichen doppelten Hexenstichen verziert.

Mit sich änderndem Zeitgeschmack verschwanden diese bunten Stickereien zumeist in Schränken und Truhen oder wurden gar gänzlich entsorgt. Man fand zurück zur edler wirkenden, zeitlos erscheinenden und ursprünglichen Weißstickerei. Heute stelle ich allerdings einen leichten Trend zur Lust auf dezente Farbigkeit fest.

Schwälmer Weißstickerei und Goldgelb (1)

Die Farbe Gold in Verbindung mit Schwälmer Weißstickerei hat Tradition. Denn hauptsächlich Goldtöne wurden zur Gestaltung der Kronen genutzt.

Heutzutage setzt man die warme Farbe auch gern für weihnachtliche Stickereien ein.

Ihr sparsame Gebrauch hebt Elemente hervor, setzt Glanzlichter, sorgt für eine harmonische Abrundung und unterstützt die Wirkung bestimmter Punkte.

Seltener wird ein zarter Goldton etwas großzügiger eingesetzt, wie hier in der Krippenszene.

Alle Umrisse und ein Großteil der Flächenfüllmuster wurden in Gold gestickt.

Muster der frühen Schwälmer Weißstickerei kamen ebenso zum Einsatz wie einfache und Limet-Durchbruchmuster. Die ohne Fadenauszug auskommenden Muster der frühen Schwälmer Weißstickerei eignen sich besonders zur Gestaltung kleiner Flächen.

In einigen Bereichen der Königsgewänder wurde ein einzelnes Muster mit zwei Farben gestickt.

Frohe Weihnachten!

Schwälmer Weißstickerei und Blau (5)

In der Schwalm wurde auch schweres, blau-weißes Damastleinen mit unterschiedlichen Musterungen gewebt (z. B. siehe Hintergrundstoff hier).
Es wurde für Bettwäsche (letzte drei Bilder), Bett- und Fenstervorhänge sowie für Tischdecken verwendet.

Bei einem Besuch im Museum der Schwalm vor einigen Jahren entdeckte Gertrude Vorwerk einen Restposten solchen Leinens mit dem sogenannten „Bäumchenmuster.“ Sie kaufte den gesamten Vorrat umgehend auf.

Zuerst fertigte Sie Übergardinen (zu sehen auf dem Bild ganz unten) und bestickte eine dazugehörige Schabracke mit Schwälmer Motiven. Dann nutzte sie Teile des Stoffes, um daraus einen passenden Bettüberwurf zu gestalten. In Kombination mit in Schwälmer Weißstickerei besticktem, handgewebtem weißem Leinen ließ sie eine wunderschöne, riesige Tagesdecke für ein Doppelbett entstehen.

Die Mitte verziert ein beliebtes Kronenmotiv, ergänzt durch die Initialen der Stickerin. Drum herum wurde ein schmaler Streifen des Damastgewebes angesetzt. Hierfür verwendete sie den gestreift wirkenden Teil des Stoffes, der sich auch als Randeinfassung wieder findet.

Der nächste bestickte und zum Quadrat angeordnete Streifen zeigt ein umlaufendes Wellenmotiv. Dieser Streifen wurde mit einem etwas breiteren Streifen des Damastgewebes eingefasst.

Ein noch breiterer Streifen folgte – bestickt mit einer aufwändigen Weißstickereiborte.

Eine besondere Herausforderung war die Fortführung der Stickerei über die Ansatznähte hinweg. Diese hat Gertrude Vorwerk hervorragend gemeistert.

Auf einen weiteren, sehr breiten Streifen des Damastgewebes folgte ein unbestickter weißer Leinenstreifen, der mit einem schmalen Streifen des Damastleinens eingefasst wurde.

Gertrude Vorwerk hat ungefähr 3 Jahre benötigt, um ihre Lieblingsmuster auf das alte Leinen zu sticken. In Verbindung mit dem blau-weißen Damastleinen entstand eine ganz außergewöhnliche und einmalige Decke, an deren Anblick sich die Stickerin täglich auf´s Neue erfreut.

Danke, dass auch wir daran teilhaben dürfen!

Schwälmer Weißstickerei und Blau (1)
Schwälmer Weißstickerei und Blau (2)
Schwälmer Weißstickerei und Blau (3)
Schwälmer Weißstickerei und Blau (4)