Wie entsteht eine Schwälmer Tanzecke?

Tanzecken sind sehr spezielle Bestandteile der Schwälmer Tracht. Sie sind nicht nur außergewöhnlich prachtvoll in ihrer Erscheinung, sondern auch sehr aufwändig herzustellen.

Zuerst muss man eine Schablone haben. Diese besteht aus Pappe.
Mit feinem Nähgarn wird die Schablone auf ein Stück Stoff in der Farbe der Tracht, zu der die Tanzecke getragen werden soll, genäht.
Beide Schichten werden anschließend auf Leinen oder Baumwollstoff befestigt.
Die auf diese Weise vorbereitete Arbeit wird in einen Rahmen gespannt, so dass beide Hände frei sind, um arbeiten zu können – eine von oben und die andere von unten. Die Stickerin stickt feine Seidenfäden präzise und dicht nebeneinander über die Pappschablone. Nicht alle Schwälmerinnen waren in der Lage, solch feine Arbeiten auszuführen. Meist wurden Frauen damit beauftragt, die diese Stickerei berufsmäßig erledigten – die Buntstickerinnen waren erfahren und geübt im Umgang mit den Materialien und hatten die notwendige Ausstattung.
Von der Vorderseite aus betrachtet sind die Musterteile klar voneinander abgegrenzt und dennoch dicht beisammen. Auf der Rückseite erscheint das Muster nicht so klar ausgeprägt – das zugrunde liegende Leinen scheint an manchen Stellen durch.
Dann werden Pailletten, Bouillon und Metalldraht hinzugefügt.
Dadurch entsteht auf der Rückseite ein Gewirr von feinen Fädchen, mit denen diese Teile gehalten werden.
Danach werden die Kanten eingekürzt und das Teil mit Glanzpapier abgefüttert, um die Schürze, auf die die Tanzecke aufgesteckt wird, vor Beschädigungen und Abrieb zu schützen.
Die Kanten werden mit Seidenbändern umgeben
und die Seidenbänder werden zusätzlich mit Pailletten und Bouillon verziert. Oft wurden auch die Initialen der Besitzerin hinzugefügt.
Es ist verblüffend zu sehen, welch schöne Tanzecke aus der oben zu sehenden Schablone hervorgegangen ist!

Und es ist verständlich, dass die Schwälmerinnen ihre schönen und mühevoll hergestellten Trachtenbestandteile schützen wollten, wenn sie verstaut werden mussten. (Die Tanzecken wurden ja nur zu Tanzveranstaltungen genutzt, und diese fanden gewöhnlicherweise nur 3 mal im Jahr statt.) So nähten sie sich oft passende Taschen. Diese enthielten meist zwei separate Abteile – eines für jede Tanzecke – wurden aus Glanzpapier passgenau zugeschnitten und mit Vorstichen zusammengenäht.

Schwälmer Tracht – Tanzecken (2)

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Tanzecken immer prachtvoller. Sie wurden größer und die Verzierungen wurden immer glänzender. Die Tanzecken wurden – zu den jeweiligen Trachtenfarben passend – in rot und in grün gefertigt.
Die roten Tanzecken wurden in feiner roter Seidenstickerei mit einigen grünen Partien ausgeführt. Zusätzlich waren sie mit Gold geschmückt – goldenen Pailletten und Goldbouillon.
Anfangs wurde Goldbouillon nur linienförmig verwendet, um die Ränder der Muster hervorzuheben. Später wurden mit Goldbouillon und Goldfäden auch Flächen gefüllt – zunächst nur kleinere,
dann größere Bereiche
und schließlich zum überwiegenden Teil.
Zusätzlich wurde auch die Randverzierung immer aufwändiger und prachtvoller.
Oft wurden die Initialen der Besitzerin auf die Unterkante gestickt.
Am Ende erkannte man die roten Tanzecken nur noch an der roten Einfassung.
Immer noch sichtbar aber blieben die schwalmtypischen Motive Stern, Tulpe, Herz und Nelke.
Die grünen Tanzecken wurden mit silbernen Pailletten, Silberdraht und Silberbouillon verziert.
Zusätzliche rote Elemente konnte man in den Tanzecken für jüngere Frauen finden,
während die Tanzecken für ältere Frauen lilafarbene Bereiche aufwiesen.
Die allerprächtigsten Exemplare allerdings hatten sowohl silberfarbene als auch goldfarbene Verzierungen, grün an den Kanten und kleine rote Bereiche im Inneren.
Diese Tanzecken sind weitere Bestandteile, die der Schwälmer Tracht Farbe, Glanz und Pracht verleihen.
Sind sie nicht wirklich herrlich?

Schwälmer Tracht – Tanzecken (1)

Tanzecken, auch Schürzenecken genannt, waren wohl ursprünglich Schürzentaschen. Da sich der feine Stoff um die dicken Taschenränder jedoch sehr schnell abnutzte, ging man dazu über, separate Teile in meist quadratischer Form zum Schmuck der Schürzen herzustellen. Diese wurden fein und farbenprächtig mit Seidengarnen bestickt. Sie wurden mit Stecknadeln auf den dunklen Schürzen befestigt – dicht am Rand und dicht unterhalb unterhalb des Schürzenbundes. Und weil sie zum Tanz getragen wurden, erhielten sie den Namen “Tanzecken”.
Im Lauf der Zeit wurden die Tanzecken immer prächtiger. In diesem Beitrag zeige ich Beispiele aus der Zeit um 1850. Sie sind deutlich weniger aufwändig geschmückt als die Tanzecken der Zeit von etwa 1900 an. Sie wurden mit verschiedenen Farben und in vielen unterschiedlichen Mustern gestickt. Die schwalmtypischen Motive (Herz, Tulpe und Stern) sind auf diesen Accessoires zu finden. Die im untenstehenden Bild zu sehende Tanzecke misst 16 cm x 16 cm. Meist waren die frühen Tanzecken kleiner mit Seitenlängen zwischen 11 cm und 14 cm.
Auch das Nelkenmotiv spielte in den Tanzeckenmustern eine Rolle.

Nicht alle, aber die meisten, Tanzecken waren quadratisch.
Im Laufe der Zeit verblassten die ehemals leuchtenden Farnen der Seidenfäden. Man kann eine Vorstellung der ehemaligen Klarheit und Brillianz der Farben beim Blick auf die lichtgeschützte Rückseite einer Tanzecke erhalten.
Um die Kanten herum wurden Seidenbänder genäht und mit Hexenstichen verziert.
Die meisten Muster waren punktsymmetrisch.
Aber es gab auch achsensymmetrische Exemplare.
Grün und rot waren die vorherrschenden Farben, aber blau und lila sind auch zu finden.

Die Rückseiten dieser älteren Tanzecken waren ungefüttert. Das macht es leicht, den Verlauf der Stiche genau unter die Lupe zu nehmen.
Leider ist meine Sammlung beschränkt, so kann ich nur einige Beispiele von frühen Tanzecken zeigen. Aber schon diese wenigen Exemplare lassen einen Blick auf den Sinn für Ästhetik und die enorme Kreativität unseren Vorfahren zu, die diese wunderschönen und imposanten Muster entwarfen.

Schwälmer Weißstickerei – Sonnenblumendarstellungen

Die Sonnenblume ist als Kulturpflanze seit alters her weit verbreitet und beliebt. So ist es nicht verwunderlich, dass ihre Form – insbesondere das Blütenmotiv – auch in die Gestaltung der Schwälmer Weißstickerei einfloss. (Das Sonnenblumenmotiv sollte nicht mit einem der Hauptmotive der Schwälmer Weißsickerei – der Sonne – verwechselt werden. Die Sonne, ebenfalls ein Kreismotiv, wird gewöhnlicherweise mit Schnürlochbögen, geschnürten Bögen oder 2 kurz–2 lang umgeben.)

Die zur Zeit in voller Blüte stehenden Sonnenblumenfelder bewogen mich, deren Darstellungsformen in den Schwälmer Stickmustern genauer zu betrachten.

Die nachfolgenden Bilder sind in etwa chronologisch geordnet. Die älteste, mir zur Verfügung stehende Stickerei stammt aus der Zeit um 1770. Es handelt sich um Frühe Schwälmer Weißstickerei, deren Flächen noch nicht mit Durchbruchmustern, sondern mit aufliegenden Mustern verziert sind. Andere Stickereien sind auf den Beginn des 19. Jahrhunderts datiert. Beispiele aus dem 20. Jahrhundert und zeitgenössische Stücke folgen.

Das kreisförmige Mittelteil der Sonnenblume lässt Spielraum zur Füllung mit den unterschiedlichsten Mustern, was eine unglaubliche Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet.

Aber auch die Gestaltung der Blütenblätter ist höchst sehens- und betrachtenswert. In diesem Punkt zeigten sich die Stickerinnen überaus kreativ. Von der sehr abstrakten Darstellung, die man erst auf den zweiten Blick als Sonnenblume wahrnimmt, bis hin zu wirklichkeitsnahen Darstellungen findet man viele Nuancen und Abstufungen, was auch für die gewählten Proportionen gilt. Es gibt kleine und auch sehr große Exemplare.

Sehen Sie selbst:






























Wenn Sie Interesse an einem der schönen, folgenden Läufermuster mit Sonnenblumen oder dem kleinen Mittelmotiv haben, wenden Sie sich bitte an Frau Irmgard Mengel (Tel.: 05651 40684). Sie druckt die unten zu sehenden Muster auf.




Schwälmer Tracht – Die Schürzenbändchen

Die schmückenden Bestandteile gaben der stolzen Schwälmer Tracht mehr und mehr Farbenpracht. So auch die schmalen Schürzenbändchen, in der Schwalm „Schürztuchschnürchen“ oder „Forzbengelchen“ (Furzbändchen) genannt. Reich verziert lagen die bunten Bändchen auf dem hinteren Teil der Röcke auf.
Schmale Seidenbänder wurden an beiden Enden reich mit Pailletten, Bouillondraht und kleinen Metallblümchen geschmückt.
Meist blieben die Bändchen ungefüttert, nur manchmal waren sie zur Verstärkung mit einem Papierstreifen hinterlegt.
Man verwendete – meist einfarbige – Seidenbänder, deren Ränder keine glatten Webkanten hatten.
Die Schussfäden waren zu unterschiedlich langen Schlaufen gelegt. Dadurch entstand ein zusätzlicher dekorativer Effekt.
Manchmal wurde auch ein etwas schmaleres, durchgängiges Band an den Enden mit einem Stück breiteren Bandes hinterlegt.
So entstand ein zusätzlicher Effekt.
Die Ausgestaltung der Bändchen war sehr unterschiedlich. Bei älteren Bändchen wurden Tritzer in unterschiedlichen Farben aufgenäht (leider sind diese hier schon ein wenig verblasst) und mit Pailletten besetzt.
Andere Bändchen waren nur mit Pailletten und Bouillondraht ausgestaltet.
Manchmal wurden die Bändchen auch mit Schablonen belegt und
mit Seidengarnen bestickt.
Bei anderen Bändern wurde der Bouillondraht kunstfertig zu den in der Schwalm beliebten Motiven wie Herz, Stern und Tulpe gelegt.
Ganz aufwändige Exemplare enthielten auch die Initialen der Trägerin.
Oft waren die Enden der Bändchen mit Nadelspitze
oder Nadelspitze nachempfundener Metalldrahtgestaltung verziert.
Mit einer kleinen Schleife versehen oder einfach nur mit einem Ankerstich-Knoten in den Schürzenbund eingehängt, fielen die reichverzierten bunten Bändchen über den hinteren Teil der Röcke und bildeten einen starken Kontrast zu dem schwarzen oder dunkelblauen Leinen.