Schwälmer Miederärmel (1)

Nachdem die Seitennaht aufgetrennt wurde, kann man den ca. 200 Jahre alten Schwälmer Miederärmel im Ganzen betrachten.

Er hat eine Gesamthöhe von 40 cm, wobei am unteren Rand ein 4 cm breiter doppelter Umschlag mit Einschlag die fertige Höhe auf 29 cm verkürzt. Oben ist der Ärmel 32 cm breit, unten 40 cm. Am oberen Rand ist eine 5 cm hohe Klöppelspitze angesetzt.

Dann folgt ein 3 cm breiter Saum, bevor die Stickerei der Borte zum Tragen kommt. Die Borte hat eine Höhe von 10 cm, im Bereich der Namenskürzel von 11,5 cm.

In der Gegenlichtaufnahme kann man deutlich sehen, dass hier das Konturenmuster aus den 1820er Jahren verwendet wurde und dessen Mittelteil exakt übertragen wurde.

Die separaten Miederärmel sind aus feinstem Batist, einem locker gewebten, leinwandbindigen Stoff, – wahrscheinlich Baumwollbatist. (Untersuchungen zur Materialbestimmung der Schwälmer Zubehörteile aus Batist ergaben, dass es sich meist um Baumwollbatist handelte, Leinenbatist aber auch vorkam. Batist war ein Material, das nicht in der Schwalm hergestellt, sondern von Händlern bezogen wurde. Siehe Kostbarkeiten in Blau – OIDFA)

Die aufwändige Stickerei ist im Stil der Dresdner Spitze ausgeführt.
Ende des 18. Jahrhunderts – etwa ab 1770 – ließ die Produktion von Spitze in Dresden nach. Sie lebte aber weiter und wurde in die Volkskunst aufgenommen und dort weiterentwickelt. So auch in der Schwalm. (Darüber kann man im nächsten Blogbeitrag mehr erfahren.)

Als Stickmaterial wurde Leinenzwirn in unterschiedlichen Stärken verwendet. Die Zwirne durften nicht zu fest gedreht sein, um sich den gewünschten Konturen und der Stickerei auf dem weichen Grundgewebe anpassen zu können.

Um die einzelnen Musterteile hervorzuheben, wurden die Linien der unter dem Stoff befindlichen Konturenzeichnung mit einem dicken Faden nachgelegt und mit Kreuznahtstichen (auch Schattenstich oder Kreuzsteppstich genannt) befestigt.

Auf der Vorderseite erscheinen diese Stiche als Steppstiche.

In die so entstandenen Flächen werden durch Zusammenziehen der Gewebefäden (Ajourstickerei) unterschiedliche Muster eingearbeitet.

Der verwendete Batist hat 26/30 Fäden/cm.

Zur Musterbildung und auch für die Kreuzstiche der Initialen wurden jeweils 4 Gewebefäden gebündelt.

Wickelstiche, Rosenstiche, Kästchenstiche und Grundstiche wurden hier angewendet.

Auch ist der Hintergrund fast komplett mit Ajourstickerei ausgefüllt.

Nach der Fertigstellung der Musterborte wurden die Namenskürzel der Besitzerin A N C R O I – getrennt durch kleine Kreuzstichornamente – neben die Borte gestickt. Als Randabschluss wurde eine Klöppelspitze angesetzt.

Erst danach wurde das weiße Teil blau eingefärbt.

Ursprünglich wurden die blauen Trachtenteile mit Färberwaid aus Thüringen eingefärbt. Sie erhielten dadurch eine leuchtend hellblaue Farbe, wie man sie auf Gemälden der damaligen Zeit sehen kann. Später – so ab den 1850er Jahren – wurde Indigo zum Färben verwendet, das durch die Erschließung des Seewegs nach Indien nun auch hier günstig zu bekommen und billiger als Waid war. Mit Indigo färbte man dunkelblau. Um mit der Mode mitzugehen, wurden einige Trachtenteile, die vorher hellblau waren, nun umgefärbt. Dies könnte auch bei dem hier vorliegenden Stück geschehen sein, denn auf der Rückseite der Stickerei sind an einigen Stellen deutlich hellere Spuren zu entdecken.

In meiner Sammlung befinden sich einige Paare separater Miederärmel aus feinsten Material. Aquarelle des Malers Jakob Fürchtegott Dielmann (1809 – 1885) von 1841 zeigen, wie solche Ärmel getragen wurden.

Städel Museum, Frankfurt am Main

Damals sah die Schwälmer Tracht noch anders aus, als wir sie heute kennen.
Aus Reise-Tagebuch-Aufzeichnungen von Ferdinand von Pfister aus den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts kann man eine Kleiderbeschreibung entnehmen. Zu den Miedern schreibt er folgendes: „Das eigentliche Müeder ist von schwarzem Leinen, weit geöffnet und tief ausgeschnitten mit rothem verkreuztem Schnürbande. Dabei sehen entweder die Hemds-Ermel hervor, oder es sind hellblaue geschmaltete leinene Ermel angenähet. Diese sind aber kurz, oben und unten gepufft, in der Mitte gesteppt und gleichfarbig bestickt. Ein Stats-Müeder solcher Art ist von schwarzem Tuche mit Samte eingefasßt, und hierbei wird der kostbare Brustlatz getragen, von blauem, rothem, grünem Samte und golden bestickt.“ Gefunden in Brunhilde Miehe: Der Tracht treugeblieben Bd. 3, Seite 15.

Jakob Furchtegott Dielmann – „Oberhesische Bauersfrau zur Kirche gehend“ – Städel Museum, Frankfurt am Main – auch als „Mädchen aus Wliingshausen“ bezeichnet

Jakob Furchtegott Dielmann – „Stehende Bäuerin im Sonntagsstaat“ – Städel Museum, Frankfurt am Main – auch als „Kirchgängerin aus Wliingshausen“ bezeichnet

Auf dem Bild kann man auch die „Ziehhaube“ und das „Paradetaschentuch“ erkennen, die ähnlich wie die Miederärmel kunstvoll bestickt wurden.

Motive und ihre Symbolik in der Schwälmer Stickerei

Die Region der Schwalm war bäuerlich und protestantisch geprägt. Dieser historische Hintergrund hat die Symbolik der verwendeten Motive beeinflusst. Aber auch wenn die Motive bestimmte Werte versinnbildlichten, war der Symbolismus nebensächlich. Motive wurden und werden auch heute hauptsächlich aus ästhetischen und gestalterischen Gründen gewählt.

Das Hauptmotiv in der Schwälmer Stickerei ist das Herz – der Sitz des Lebens und das Symbol für Liebe –, ursprünglich wohl als Vase/Behältnis gestickt, aus dem der Lebensbaum mit Lebenswasser gespeist wurde. (Der Dreispross stand für die Dreifaltigkeit (Trinität), der Lebensbaum für langes Leben und die Ewigkeit.)

Manchmal wurde das Herz als Ausgangspunkt für Dreispross oder Lebensbaum durch Körbe

oder durch Blumentöpfe ersetzt.

Das Herz ist dicht gefolgt vom Motiv der Tulpe – dem Symbol für Reichtum und Wohlstand. Man sah die Tulpe auch als Abwandlung des Lebensbaumes und die drei Zacken aufweisende Tulpe als Symbol der Dreieinigkeit Gottes.

Wichtig waren auch die Sonnen (Kreise; ohne Anfang und Ende Symbol für Vollkommenheit und Unendlichkeit)) – Quelle des Lichts und lebensspendendes Symbol, Symbol für Christus;

als Sonnenblumen Symbol für ein langes Leben.

Die Vogeldarstellungen zeigen – so ist überliefert – die Sperlinge als Symbol für Fruchtbarkeit.

Spiralen sind Sinnbilder für den Zyklus eines Menschenlebens, für Wandel und Veränderung.

Blätter stehen als Symbol für Wachstum und Leben.

Der Granatapfel – Symbol für Fruchtbarkeit und lebensspendende Kraft/göttlichen Segen – war als Motiv in der frühen Schwälmer Weißstickerei sehr beliebt. In der späteren Schwälmer Weißstickerei nutzte man sehr einfache/abstrakte/schnörkellose Motivflächen, um die dann modern gewordenen Flächenfüllmuster gut integrieren zu können. Dazu war das Grantapfelmotiv eher ungeeignet. Es gibt aber auch in dieser Sticktechnik vereinzelt Granatapfeldarstellungen.

Auch der Stern – Symbol für Boten Gottes – ist wegen seiner für das Füllen mit Mustern ungeeigneten Form nur selten als Musterfläche zu finden. Sterne werden aber gern als figürliche Flächenfüllmuster gestickt.

Ebenso die Nelke – ursprünglich die Gewürznelke als Kreuznagel symbolisiert Christusbezug. Sie war in der frühen Schwälmer Weißstickerei beliebt, wurde später aber wegen ihrer schwierigeren Darstellbarkeit fast ausschließlich als figürliches Flächenfüllmuster verwendet.

Die Krone war als Hoheitssymbol für die private Stickerei tabu und durfte nicht verwendet werden. Die Schwälmerinnen schufen sich aber ihre ganz eigenen Kronen, die sie als Familienzeichen verstanden, in beeindruckender Formenvielfalt, höchster Kreativität und einem ausgeprägten Gespür für Ästhetik.

Schwälmer Weißstickerei – Kappenbodenmuster

Der Reichtum und die Vielfalt der Kappenbodenmusterungen hat mich begeistert und inspiriert. Angelehnt an diese Motivanordnungen habe ich von der Designerin Christa Waldmann Muster für die Weißstickerei entwerfen lassen. Sie hat ganze Arbeit geleistet und wunderschöne Entwürfe gefertigt.

Mit diesen Mustern wurden drei verschiedene Projekte bestickt: ein Tischläufer,

ein Kissenbezug und – mein Lieblingsstück – eine Mitteldecke mit Bogenrand.

Natürlich stehen viele andere Gestaltungsmöglichkeiten offen.

Diese besonderen Entwürfe möchte ich Ihnen nicht vorenthalten und biete die Konturenmuster zum Kauf an.

Es handelt sich um drei unterschiedliche Serien:

1. Kappenbodenläufer
Ovale gleicher Größe mit Bogenrand in fünf verschiedenen, punktsymmetrischen Motiven, dazu fünf Bilder mit gestickten Beispielen

2. Kappenbodenoval
Schlichte Ovale gleicher Größe in acht verschiedenen, achsensymmetrischen Motiven, dazu ein Bild mit einem gestickten Beispiel

3. Kappenbodenquadrat
Ovale gleicher Größe mit Bogenrand in sechs verschiedenen, punktsymmetrischen Motiven mit insgesamt 18, teilweise verspielten Varianten, dazu sechs Bilder mit gestickten Beispielen


Kappenbodenläufer
Konturenmuster
Ovale gleicher Größe mit Bogenrand in fünf verschiedenen, punktsymmetrischen Motiven, dazu fünf Bilder mit gestickten Beispielen

  • 10 Seiten
  • 4,32 MB Dateigröße in 2 pdf-Dateien
  • Text: deutsch

zum Herunterladen


Kappenbodenoval
Konturenmuster
Schlichte Ovale gleicher Größe in acht verschiedenen, achsensymmetrischen Motiven, dazu ein Bild mit einem gestickten Beispiel

  • 9 Seiten
  • 3,46 MB Dateigröße in 2 pdf-Dateien
  • Text: deutsch

zum Herunterladen


Kappenbodenquadrat
Konturenmuster
Ovale gleicher Größe mit Bogenrand in sechs verschiedenen, punktsymmetrischen Motiven mit insgesamt 18, teilweise verspielten Varianten, dazu sechs Bilder mit gestickten Beispiele

  • 24 Seiten
  • 11 MB Dateigröße in 3 pdf-Dateien
  • Text: deutsch

zum Herunterladen

Natürlich können Sie diese Publikationen wie immer auch als Printversionen erhalten – zum gleichen Kaufpreis zuzüglich Versandkosten. Diese Option ist nicht in meinem Shop enthalten. Bitte senden Sie mir bei Bedarf eine E-Mail mit Ihrer diesbezüglichen Anforderung.

Schwälmer Mustertuch

Die Zeichnung für das Schwälmer Muster-Bild wurde nach meinen Vorstellungen und Wünschen von einer renommierten Designerin entworfen. Eine Grafikdesignerin übertrug die Handzeichnung in eine Computergrafik. Nun ist das Muster fertig, um als Download-Datei bezogen zu werden.

Das 6-seitige Dokument zeigt das gesamte Muster in Originalgröße sowie ein vergrößertes Bild des Stopfhohlsaumes.


Schwälmer Mustertuch
Konturenzeichnung
6 Seiten
Text: deutsch
1,9 MB Dateigröße
10,00 €
shop

Natürlich können Sie diese Publikation auch als Printversion erhalten – zum Kaufpreis von 10,00 € (inklusive 7 % Mehrwertsteuer) zuzüglich Versandkosten. Diese Option ist nicht in meinem Shop enthalten. Bitte senden Sie mir bei Bedarf eine E-Mail mit Ihrer diesbezüglichen Anforderung.

Frühe Schwälmer Weißstickerei – Ein wunderschöner Tischläufer

Die Betrachtung dieses ganz besonderen Tischläufers lässt mein Herz jedes mal höher schlagen.
Das gelungene Konturenmuster wurde wohl von Frau Schäfer nach alten Vorbilder/Vorlagen entworfen und über Volkshochschulkurse weiterverbreitet. Frau Irmgard Mengel hat dieses Muster perfekt gestickt.
Auf dem sehr feinen Leinen kommen die „alten“ Muster in Verbindung mit der Hochstickerei besonders gut zur Geltung.
Obwohl die frühe Schwälmer Weißstickerei keine Durchbruchmuster kennt,
ist die Mustervielfalt dieser reizvollen Technik doch ganz beachtlich. Viele gut geeignete Füllstiche sind in meiner Publikation Frühe Schwälmer Weißstickerei zu finden.
Neben viele Schlingstichmusterungen und umschlungenen Stichen
kommen Kettenstiche in vielen Formationen und Plattstiche zum Einsatz.
Beeindruckend ist die Gleichmäßigkeit der Stiche
und die Perfektion der Blätter.
Ein beeindruckendes Beispiel exzellenter Stickkunst und ein Gesamtbild, das begeistert!
Wenn Sie sich selbst einmal an dieser Technik probieren wollen, können Sie sich gern an Frau Mengel wenden (Tel.: 05651 40684). Sie druckt das Muster auf.

Übrigens: Frau Mengel hat soeben erneut ein wunderschönes Muster entworfen. Der weihnachtliche Kranz mit Tannengirlande, Glocken, Sternen und Herzen ist wahrhaftes „Zuckerwerk“ und wird sicherlich auch Sie entzücken.
Das Kranzmotiv hat einen Außendurchmesser von ca. 40 cm. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an Frau Mengel.