Musterdecken mit Schwälmer Weißstickerei

Mustertücher zu sticken, war und ist immer noch üblich und beliebt. Auch Schwälmerinnen gestalteten Mustertücher – Mustertücher mit sehr unterschiedlichem Aussehen. Einige davon werde ich in verschiedenen Beiträgen zeigen; der erste befasst sich mit Musterdecken.

In den 1920er Jahren gründete Alexandra Thielmann in Willingshausen eine Schule für Schwälmer Weißstickerei. Dort erlernten ältere Mädchen und junge Frauen das Sticken der Schwälmer Technik. Wenn sie dann perfekt sticken konnten, arbeiteten sie in der Werkstätte für Schwälmer Bauernstickerei und bestickten Kinderkleider aller Art, Damenkleider, feine Taschentücher, Leib- und Bettwäsche, Sofakissen, Altardecken, hauptsächlich aber Tischdecken, die in ganz Deutschland verkauft wurden. So trugen sie zu ihrem Unterhalt bei.

Mit dem Zurückgehen der Tracht und der damit verbundenen strengen, bäuerlichen Lebensweise suchte man nach anderen Verwendungsmöglichkeiten für die Stickerei. Damit einhergehend kam auch eine Wandlung der Musterzeichnungen.
Alexandra Thielmann (1881 -1966) „entschlackte“ die Entwürfe und entwarf neue Blütenformen. In fast all ihren Mustern findet man viele, spitz zulaufende Blätter. Einerseits passte sie sie dadurch dem Zeitgeschmack an, andererseits war die Stickerei nicht mehr ganz so zeitaufwändig und blieb auf diese Weise bezahlbar.

Zuerst mussten die Schülerinnen eine quadratische Decke besticken. Die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Stickerinnen waren sehr unterschiedlich. Die Musterdecke, die mir vorliegt, ist nicht die perfekteste, aber man kann an ihr den Inhalt des Unterrichts ersehen.


Die Schülerinnen mussten sehr viel lernen:

In der Mitte wurden Reihen mit unterschiedlichen Bögen, Schnürlochbögen, 2 kurz-2 lang Stichen, Messerspitzen, geschnürte Messerspitzen und Schnürlochspitzen , Wimpernstiche und geteilte, spitze Blätter zu Quadraten angeordnet. Oft wurden vier unterschiedliche schmale Stopfhohlsäume zugefügt.

Am Rand wurden Erbslochhohlsäume in Kombination mit vier verschiedenen breiten Stopfhohlsäumen gearbeitet und mit vier unterschiedlichen Eckbildungen versehen. Daneben wurden vier unterschiedliche schmale Börtchen platziert.

Die Flächen zwischen dem Mittelquadrat und der Randgestaltung wurden mit unterschiedlichen Weißstickereimotiven gefüllt. Hier sind die typischen Thielmann-Blumen (Tulpen und Osterglocke) und Herzen mit verschiedenen Umrandungsstichen zu sehen. Sowohl diagonal verlaufende als auch Muster im geraden Fadenlauf wurden geübt. Alle drei in der Schwalm angewendeten Typen von Flächenfüllmustern wurden gestickt. Oft wurde eine Krone zugefügt.

Hier sind Details zu sehen – einige perfekt, andere weniger perfekt gestickt:


Geteilte, spitze Blätter, Schnürlochbögen, Messerspitzen, 2 kurz-2 lang Stiche, Schnürlochspitzen, Wimpernstiche, Plattstichbögen, Schlingstiche und Kettenstiche


sowie verschiedene schmale Stopfhohlsäume wurden in der Mitte der Decke quadratisch angeordnet.


Am Rand wurden Erbslöcher beidseitig breiter Stopfhohlsäume gestickt.


Daneben sind unterschiedliche kleine Börtchen zu finden.


Im Bild oben wurden Hexenstiche als kleines Börtchen verwendet.


Abhängig von der Fertigkeit der Schülerinnen wurden manchmal auch aufwändige kleine Börtchen entworfen.

Muster für solche Börtchen kann man in meinem Buch Schlängchen & Co – Schwalmtypische Börtchen und Zierstiche finden.


In der Schwalm gebräuchliche Ecklösungen für Stopfhohlsäume wurden geübt. Dazu gehörten Gittermuster


und Spinnen.


Verschiedene Ecklösungen für Stopfhohlsäume kann man in meinem Buch Randabschlüsse finden.


Sowohl viele spitze Blätter


als auch Spiralen (hier mit Schnürlochbögen versehen) wurden gestickt.


Alle üblichen Motive sind zu finden: Körbe


Vögel


und natürlich Herzen mit verschiedenen Umrandungen (Messerspitzen


oder geschnürte Messerspitzen).


Sehr unterschiedliche Blumenformen und Kreise wurden bestickt.


Eine breite Palette verschiedener Flächenfüllmuster – sowohl lichte als auch Limet – wurde angewendet. Auch figürliche Muster wie Sterne


und Nadelspitzenfüllungen sind zu sehen.


Zum krönenden Abschluss wurden Kronen gestickt.
Sehr viele und sehr unterschiedliche Kronenmuster kann man in meinen Büchern Schwälmer Kronen und Prächtige Schwälmer Kronen finden.

Die meisten der vielfältigen und sehr unterschiedlichen Schwälmer Techniken wurden an einem einzigen Tuch gelehrt! Weil Musterbücher damals selten und oft unerschwinglich waren, gerieten solche Mustertücher zu einer großartigen Quelle für Stickerinnen.

Zufällig habe ich gerade eben noch Bilder einer weiteren Thielmann´schen Übungsmuster-Decke bekommen, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Besonders interessant sind hierbei die wenigen Flächenfüllmuster, die der frühen Schwälmer Weißstickerei entstammen. Neben den Mittelquadraten kann ich hier auch alle vier Eckmuster und die vier Muster der mittleren Seitenbereiche zeigen.

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