Wie bereits in dem Blogbeitrag Zufallsbegegnung erwähnt,
gibt es ein blau eingefärbtes Mieder,

dessen Ärmelstickerei an die mehr als 200 Jahre alte Skizze angelehnt ist.

Um das zu verdeutlichen, habe ich eine Ärmelnaht aufgetrennt. In der Gegenlichtaufnahme erkennt man deutlich den Mittelkreis mit den acht umgebenden Herzen und die auf beiden Seiten zu findende Zusammenstellung von drei großen Herzen um einen kleinen Kreis.

Einzig der Übergang vom Mittelkreis zu dieser Zusammenstellung erfolgt nicht, wie in der Skizze, durch ein weiteres Herz, sondern durch eine Tulpe. Dabei greifen die Umrandungsstiche beider Motive ineinander.

Die Randbordüren, die in der Zeichnung nur skizzenhaft dargestellt sind, sind oben durch Tulpen mit dazwischen liegenden Herzen und unten durch Herzen mit dazwischenliegenden Kreisen konstruiert.
Mittel- und Randbordüren sind durch eine Reihe von Kettenstichen getrennt.

Es fällt auf, dass die Motive nur mit Kettenstichen und Zierstichen umrandet sind. Korallen-Knötchenstiche findet man nur in den wenigen Stielen und Spiralen.

Alle Herzen der Mittelbordüre sind mit Schlingstichbögen (geschnürten Bögen) umgeben, die der Randbordüren mit Wimpernstichen.

Alle Tulpen sind unten und an den Seiten mit gegenständlichen schrägen Schlingstichen eingefasst.
Blättchen und kleine Blümchen sind mit Schlingstichen gestickt.

Die Stickerei wurde mit feinsten Fäden auf 23/24-fädigem Leinen ausgeführt, wie man der 1 cm x 1 cm großen Fläche des Fadenzählers entnehmen kann.

Zur Verdeutlichung der Feinheit habe ich ein Zentimetermaß neben die Stickerei gelegt.

Zum Flächenfüllen wurden ausschließlich lichte Muster gewählt – ich zähle sieben unterschiedliche. Dabei handelt es sich meist um Rosenstichmuster – manchmal mit Kästchenstichen, Grundstichen oder Kreuznahtstichen kombiniert. Im Bild oben sind Quadrate aus 3 x 3 Rosenstichen mit freier Mitte im Grundstichgitter zu sehen, oben rechts wurden schachbrettartig versetzte Quadrate aus 3 x 3 Rosenstichen mit freier Mitte mit dazwischenliegenden Kreuznahtstichen (auch „falscher Röserich“ genannt) gestickt. (Kreuznahtstich siehe Flächenfüllmuster – Nr. 469)

Ein ähnliches Muster bilden schachbrettartig versetzte Quadrate aus 3 x 3 Rosenstichen mit freier Mitte mit dazwischenliegenden 2 x 2 Kästchenstichen.

Schachbrettartig versetzte Quadrate aus 2 x 2 Rosenstichen mit dazwischenliegenden einzelnen Kästchenstichen ist als Muster 541 auch auf meinem Blog zu finden.

Zick-zack-förmig verlaufende Einzelreihen von Rosenstichen wechseln mit drei Reihen ineinandergreifender Rosenstiche ab.

Treppenartig angeordnete und gegeneinander versetzte Rosenstichreihen im Grundstichgitter bieten Platz für 2 x 2 Rosenstichquadrate.

Zwei Rosenstichreihen im Wechsel mit 2 Grundstichreihen (ähnlich Flächenfüllmuster 550 komplettieren die Mustervielfalt.

Die gesamte Borte ist 17,5 cm hoch, das Mittelteil mit 11,5 cm nur knapp höher als das des separaten Miederärmels.
Die Namenskürzel K D L W I bzw. K D L sind zu sehen.

Die Abschlusskante ist mit einer 3,5 cm hohen, sehr feinen Klöppelspitze versehen.

Wie alle blau eingefärbten Teile der Schwälmer Tracht war auch dieses Mieder mit der sogenannten „Erhaltungsstärke“ versehen, das heißt so sehr mit Stärke gefestigt, dass die feine Stickerei wenig Schaden nehmen kann.

Da aber auch die Aufschläge durch die Stärke zusammenkleben, wollte ich diese auswaschen. Das Waschwasser nahm natürlich auch einen Teil der Farbe,

sodass die Brühe nach kurzer Zeit dunkel blau-rot aussah.

Das Teil ist etwas heller geworden, wie man auch auf den Bildern erkennen kann. Aber nach inzwischen fünfmaligem sorgfältigem Auswaschen wird das Leinen nach dem Trocknen noch immer steif. Es müssen also früher riesige Mengen an Stärke zugesetzt worden sein.

Eine absolute Besonderheit ist die in die Bortenstickerei integrierte Krone. Darüber berichtet ein weiterer Blogbeitrag.

Siehe auch:
Historische Schwälmer Miederärmel-Stickerei (D)
Klöppelspitze in der Schwalm (2)
Schwälmer Mieder (3)

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