Schwälmer Tracht – Die Trolljacken

Wenn die Witterung kühler wurde, trugen die Schwälmerinnen zur Festtagstracht über Mieder und Weste noch zusätzlich kurze, langärmlige Jacken.

Die Jacken hatten einen Oberstoff aus Seide, Kaschmir oder Tuch


und waren vollständig gefüttert –


entweder mit einem glatten Beiderwand-Gewebe (einer Wolle-Leinen-Mischung)


oder mit aufgerautem Beiderwand-Gewebe.


Die bogenförmig zugeschnittenen Vorderteile wurden mit herzförmig angebrachten Knopfreihen verschlossen. Die Trolljacke einer erwachsenen Frau war normalerweise mit 19 Knöpfen bestückt. Es ist überliefert, dass nicht alle Knöpfe zugeknöpft wurden, sondern immer 3 bis 4 Knöpfe ungeknöpft blieben.


Die meisten Jacken waren ähnlich wie die Westen unter den Knöpfen mit Samtbändern belegt.


Die Jacken gab es in grün, lila (zur blauen Tracht) und schwarz.


Oft wurden die grünen Seidenstoffe


mit kleinen roten Mustern von Hand bestickt.


Die Ärmel waren lang und schmal


und wurden mit zwei Knöpfen geschlossen.


Die Kanten der Ärmel erhielten einen Besatz aus schwarzem, zackenförmig zugeschnittenem Samt, der mit einfachen Zierstichen dekoriert wurde


Die Jacken waren taillenkurz und eng anliegend geschnitten.


Den unteren Abschluss bildete ein ca. 5 cm hoher, in Kellerfalten gelegter Streifen, der sich beim Tragen auf die Röcke legte. Dieser Faltenbesatz brachte der Jacke den Namen „Trolljacke“ ein.


Der Stoffstreifen für die Kellerfalten war gefüttert und am unteren Ende mit schwarzem Samt eingefasst.


Bei gemustertem Stoff waren die Falten sorgfältig auf die Musterung abgestimmt.


Damit die Falten nicht aufspringen konnten, waren sie von der Rückseite aus mit zwei Reihen von Stichen


unterschiedlicher Machart befestigt.


Auch zur roten Tracht von Mädchen wurden grüne Trolljacken getragen.

Herzen in Holzrahmen

Nach den ausgeschnittenen Herzen, den auf Schiefer drapierten und den Herzen in Metallrahmen habe ich zur Gestaltung der diesjährigen Valentins-Herzen zwei herzförmige Holzrahmen – eigentlich für Fotos gedacht – gewählt.


Zuerst wurde die Kontur des Rahmenausschnittes auf Papier übertragen.


Daran orientiert wurde eine passende Zeichnung angefertigt. Es sollte ein verspielt wirkendes Muster sein – so wurden viele kleine Blätter und Wimpernstiche integriert.


Handgewebtes Leinen mit seinem Naturton und seiner ausgeprägten Struktur erschien mir der geeignete Stoff für dieses Projekt zu sein.


Schon bald waren beide Stickereien fertig gestellt, gewaschen, gestärkt und gebügelt.


Nach der Montage stellte ich bei einem Vergleich fest, dass die flach liegende Stickerei (Bild unten: links) nicht ganz so wirkungsvoll erscheint, wie die unterlegte (Bild unten: rechts).


So wurde die Rückseite mit Wattevlies belegt


und das Teil entlang der Knötchenstich-Herzlinie abgesteppt.


Vor rotem Hintergrund ist das Herzduo eine hübsche Dekoration zum Valentinstag,


vor neutralem Hintergrund wird es zur Ganzjahreszierde.

Wimpernstiche in der Schwälmer Weißstickerei

Wimpernstiche sind Schlingstiche, die in mehr oder weniger großem Abstand gestickt werden und bei denen die Schlingen geringfügig dichter nebeneinander liegen als die „Beinchen“.

Flächen mit Wimpernstichen zu umgeben oder Wimpernstiche als dekoratives Element zu sticken, war in der Vergangenheit in der Schwälmer Weißstickerei durchaus üblich. Auch viele Zeugnisse früher Schwälmer Weißstickerei belegen den Einsatz dieser Stiche. Später wurden Wimpernstiche nicht mehr so häufig gestickt; in Stickereien der letzten Jahrzehnte sind sie kaum noch zu sehen.

Das ist schade, denn Wimpernstiche sind dekorativ und wirkungsvoll.

Schon öfter habe ich Wimpernstich-Anwendungen in Stickereien meines Blogs gezeigt. So sind in der Borte von 1804 gleich mehrerer Flächen mit Wimperstichen umgeben. Dort sind die Wimpernstiche mit relativ dünnen Garn und auch relativ kurz gestickt.


Auch eine Fläche des historisches Schwälmer Miederärmels A ist teilweise mit Wimpernstichen umgeben.


Wimpernstiche – mit dickerem Garn und dichter gestickt, wurden um das Herzmotiv einer Miederärmel-Borte gearbeitet.


Sehr kurze Wimpernstiche finden sich auf einem feinen Zeugnis früher Schwälmer Weißstickerei von ca. 1780.


Hier wurden sie zur Umrandung von Blütenblättern und auch zur Gestaltung von Spiralen eingesetzt.


Kurze Wimpernstiche umranden auch die Plattstich-Blütenblätter des zeitgenössischen Tischläufers, der nach überlieferten Vorbildern im Stiel der frühen Schwälmer Weißstickerei gearbeitet wurde.


Längere Wimpernstiche als Begleiter von Linien habe ich an Tag 1 meines Advetskalenders 2017 ebenso gezeigt


wie an anderen Adventskalender-Tagen um Schnürlocher gestickt.


Wenn, wie hier, Schlingstiche mit den Schlingen der Wimpernstiche aufeinander treffen, bilden sich an den Übergangsstellen erhabene Doppellinien


die das Muster besonders wirkungsvoll werden lassen.

Eine ganz eigentümliche Abwandlung von Wimpernstichen habe ich auf einer sehr alten Stickerei gefunden. Dort wurden alle Flächen mit langen, dichten, schräg stehenden Schlingstichen umgeben.


Wimpernstiche sind vielfältig einsetzbar und entfalten einen dekorativen Effekt.

Übergang von früher zu späterer Schwälmer Weißstickerei (3)

Mein drittes Beispiel aus einer Übergangszeit von früher zu späterer Schwälmer Weißstickerei ist noch im Originalzustand. Es handelt sich um ein Miederjäckchen, das nach der Fertigstellung schwarz eingefärbt und anschließend mit Wachs behandelt wurde, um Glanz zu verleihen und vor Flecken zu schützen.


Verwendet wurde 14/18-fädiges Leinen – also relativ grobes Gewebe für diesen Gebrauch. Das Jäckchen wurde an den Vorderkanten und an den Ärmelaufschlägen bestickt.


Die Vorderkanten zeigen eine drei Zentimeter breite Borte mit ornamentaler Stickerei – auf beiden Seiten begrenzt von Kerrercher (umschlungenen Spannstichen) -, einen 3-stufigen Stopfhohlsaum und Nadelspitze.


Die Ärmelbündchen sind in einem breiteren Bereich bestickt. Vier verschiedene, schmale Borten – jede 3 cm hoch – wurden zu einem Design kombiniert. Solch eine Zusammenstellung einzelner schmaler Borten ist selten zu finden.
Als Motive wurden ausschließlich Kreise verwendet. Kettenstiche oder breite Stielstiche, kombiniert mit 2 kurz-2 lang, geschnürten Messerspitzen oder geschnürten Bögen bilden die Ränder der Motive. Blätter wurden mit Plattstichen gearbeitet.


Die Abschlusskante ist mit einer 1,5 cm breiten Nadelspitze dekoriert.


Daran schließt sich eine Borte an, in der Stiele, Spiralen und kleine Kreise mit Knötchenstichen gestickt wurden. Dies sind die einzigen Knötchenstiche der gesamten Ärmelbündchen-Stickerei dieses Jäckchens.


Alle fünf Motive dieser Borte sind ohne Fadenauszug in den Flächen bestickt. Zwei Kreise sind mit einem Schnürloch versehen.


Die übrigen drei wurden mit kleinen Mittelkreisen aus Knötchenstichen, die von Kerrercher umgeben sind, bestickt. Die Kerrercher bilden eine Sternform.

Die zweite Borte enthält keine Knötchenstiche, aber Flächen mit Fadenauszug. Bei allen Füllmuster mit Fadenauszug – außer einem – handelt es sich um Limetmuster.
Bei zwei der fünf Kreise wurde das Muster mit Kästchenstichen gebildet,


zwei Kreise zeigen eine Kombination aus Kästchenstichen und Grundstichen. Diese Kombination sieht man als Limet-Flächenfüllmuster äußerst selten.


Erwähnenswert – gut sichtbar an der oberen Kante der obigen Fläche – ist die Arbeitsweise von 2 kurz-2 lang. Hier wurde eine Runde dichter Plattstiche gleicher Länge gearbeitet und eine zweite Runde mit paarweise angeordneten Plattstichen zwischen die Stiche der ersten Runde gesetzt.

Das fünfte Muster besteht aus Rosenstichen.


Die dritte Borte zeigt wiederum Flächen ohne Fadenauszug. Alle fünf Kreise sind mit dem gleichen Muster bestickt – Dreier-Schlingstich-Bündel. Die Schlingstiche sind nicht aufliegend; sie wurden durch das Gewebe gestochen.


Die Borte ist oben und unten durch eine Reihe breiter Stielstiche begrenzt.


Die vierte Borte enthält sechs Motive. Eine Fläche (rechts im obigen Bild) ist mit einem einfachen Durchbruchmuster gefüllt. Es handelt sich um Mückenstiche. Zwei Kreise zieren Kästchenstich-, drei Rosenstich-Muster.


Die Initialen CDNASI, getrennt durch kleine Kreuzstichornamente, wurden gestickt. Leider wurde keine Jahreszahl vermerkt.


In diesem Beispiel findet man einige Elemente, die für die frühe Schwälmer Weißstickerei typisch sind: breite Stielstiche zum Gestalten der Stiele und zur Umrandung einiger Flächen sowie Flächen ohne Fadenauszug gefüllt mit Zierstichen oder 3-er Gruppen von Schlingstichen.

Übergang von früher zu späterer Schwälmer Weißstickerei (2)

Übergang von früher zu späterer Schwälmer Weißstickerei (2)

Auch der zweite meiner Schätze aus einer Übergangszeit von früher zu späterer Schwälmer Weißstickerei ist nicht mehr im Originalzustand. Es war ursprünglich ein Paradekissen und wurde zu einem Tischläufer umgearbeitet

Verwendet wurde 19-fädiges handgewebtes Leinen. Die Stickerei misst 14 cm x 80 cm; die Borte ist begrenzt durch zwei, je 5,5 cm hohe, 9-stufige Stopfhohlsäume mit Erbslochhohlsaum auf beiden Seiten.


Auch dieses Beispiel zeigt nur eine leichte Kombination beider Stickrichtungen der Schwälmer Weißstickerei. Im Gegensatz zu der Borte von 1804 ist die hier vorliegende Stickerei sehr dicht ausgeführt. Jede auch noch so kleine Fläche ist mit Stichen besetzt.

Alle großen Motive sind mit lichten Mustern gefüllt, aber viele der kleineren Flächen wurden mit Mustern ohne Fadenauszug bestickt. (In der frühen Schwälmer Weißstickerei war die Wahl kleinerer Motive üblich, während die spätere Art große bis sehr große Musterflächen bevorzugte. Je größer die Flächen, desto schwieriger ist es, sie mit Mustern der frühen Phase zu besticken.)


In der Mitte sieht man ein Design aus einem Herzen mit drei großen Tulpen, zwei Kreisen und zwei Flächen, die in ihrer Form dem vorhandenen Platz angepasst wurden. Diese beiden Motive haben Rosenstich-Muster; alle anderen Flächen wurden mit Stopfstich-Mustern gefüllt, wobei die beiden mittleren Motive figürliche Stopfstich-Muster erhielten.


Eine Blume und ein Blumentopf, begrenzt durch große Vögel, sind links und rechts des Mittelmusters zu finden. Zwischen den großen Motiven finden sich viele kleine Flächen ohne Fadenauszug.


Herzformen, gefüllt mit Blättern,


oder Blümchen,


oder einfach nur mit Plattstichen sind zu finden.


Auch sieht man eine kleine Tulpe mit einem Muster, das aus paarweise angeordneten Schlingstichen gebildet wurde.


Das gleiche Muster mit paarweise angeordneten Schlingstichen findet sich in Herzformen unten links sowie


unten rechts in der Borte. Wobei links nur ein größeres Herz und rechts zwei kleinere Herzen angeordnet sind (leider ist ein Teil der Stickerei durch die später für die Umnutzung zugefügte Naht verdeckt).
Wie man sehen kann, ist das Design nicht ganz symmetrisch angeordnet. Drei der Vögel haben eine relativ vertikale Ausrichtung, während der vierte nahezu horizontal angeordnet ist.


In diesem Beispiel wurden Knötchenstiche und Kettenstiche gestickt, aber keinerlei Stielstiche. Es sind viele kleine Spiralen zu finden. Die Flächen wurden entweder mit zwei Reihen von Kettenstichen oder einer Reihe von Knötchenstichen und einer zusätzlichen Reihe von Kettenstichen umgeben. Zusätzliche Umrandungen wurden mit 2 kurz-2 lang, Schlingstich- und Plattstich-Messerspitzen, Schnürlochbögen und Kerrercher (siehe: Schlängchen & Co.) gebildet.


Kerrercher sind nicht nur als Umrandungsstiche zu finden, wie hier um den Kreis,


sondern auch als Zierstiche wie am Hals des Vogels


oder oberhalb der Tulpe.

Die Stopfstich-Figuren in den verschiedenen Flächen sind nicht immer gelungen.

Das Mittelteil des Blumentopfes wurde mit einem selten zu findenden lichten Rosenstich-Muster bestickt.


In diesem Beispiel findet man einige Elemente, die für die frühe Schwälmer Weißstickerei typisch sind: insgesamt gibt es siebzehn kleine Motive ohne Fadenauszug. Fünf davon sind mit paarweise angeordneten Schlingstichen gefüllt, vier mit Plattstichen, vier mit Schlingstich-Blättern, zwei mit Schnürlöchern und Kerrercher und zwei mit Blümchen (und Spiralen).